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Smart Inspection Services: „Unser Business ist das Risiko“

Die Vernetzung von Maschinen und Prozessen ist in vollem Gange. Im umkämpften globalen Wettbewerb setzen unzählige Hersteller auf moderne Fertigungsprozesse, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Innovative Prüfmethoden erhalten damit eine bedeutende Rolle. In einer automatisierten Produktion sorgen sie für Sicherheit. Im Interview erklärt Karlheinz Russ, Bereichsleiter Industrie Service von TÜV Hessen, welche Vorteile die smarten Methoden bieten.

(Quelle: Matthias Voigt)

Herr Russ, wie verändert die Digitalisierung die Prüftechnik?
Karlheinz Russ:
Die Grundlagen der Prüftechnik verändern sich nicht. Es ist noch immer unser bewährtes Geschäft, nur mit neuen Anforderungen. Früher hatten wir analoge Messgeräte, etwa um Betriebsdrücke zu überprüfen. Heute können wir den Zustand von Anlagen digital überwachen, deshalb müssen wir uns die Vernetzung ansehen und die Prozessleitungsebene dahinter analysieren. Das haben wir auch vorher schon gemacht, der Begriff Prozessleittechnik ist ebenfalls nicht neu. Aber es entstehen neue Herausforderungen in Verbindung mit WLAN.

 

Wie macht sich das in der Praxis bereits bemerkbar?
Karlheinz Russ:
Ein großer Chemiehersteller hat beispielsweise viele neue Armaturen bestellt, die alle mit WLAN ausgestattet sind. Allerdings hat man bei einer Kontrolle festgestellt, dass die vernetzten Systeme geschlossen werden müssen, damit sie nicht angreifbar sind. Dieses Bewusstsein etabliert sich gerade bei uns. Denn die digitalisierte Industrie ist ein großer Trend, auf den wir reagieren. Auf Entwicklungen mussten wir früher auch reagieren, der einzige und entscheidende Unterschied bei der Digitalisierung ist die Geschwindigkeit.

 

Also ändert sich nicht die Prüftechnik, sondern die Prüfmethoden?
Karlheinz Russ: Genau. Prozesse, Behälter oder Rohrleitungen müssen einfach sicher sein. Dafür zu sorgen, ist unsere Kernaufgabe.

 

Die Methoden müssen mittlerweile auch für eine vollkommen automatisierte Industrie entwickelt werden. Wie bleibt eine Prüfgesellschaft bei dieser Aufgabe auf dem aktuellen Stand?
Karlheinz Russ:
Wenn die Industrie neue Methoden oder Prozesse entwickelt, machen sich die Anlagenbetreiber natürlich Gedanken über das Risiko, das ist schließlich ihre Aufgabe. Wir können die Entwicklungen aus unserer Position beobachten und richtig darauf reagieren. Das ist ein großer Vorteil. Denn wir bewerten, was bereits in Betrieb ist.

 

Der Sachverstand entscheidet

Neuere Prüfungen können den Betriebszustand auch in einer moderneren Form darstellen. Das kann für mehr Verständnis sorgen. Wie wichtig ist eine Visualisierung der erhobenen Zustandsdaten?
Karlheinz Russ:
Wenn es darum geht, Verständnis für unsere Tätigkeit zu wecken, ist es schon wichtig. Wir leben nun mal in einer medialen Gesellschaft, in der mehr über Bilder und weniger über Kernwissen gearbeitet wird. Für einen Prozess und dessen abschließende Beurteilung ist die Visualisierung nicht wichtig. Aber sie hilft dabei, schnell und einfach einen Überblick zu gewinnen. Solche Tools können die Industrie auch bei der Kommunikation mit Anrainern unterstützen. Damit wird das Ergebnis runder, auch wenn die Kernaussage einer Prüfung die Gleiche bleibt.

 

Wenn die Prüfmethoden zunehmend digitaler werden, wie relevant bleibt der Faktor Mensch?
Karlheinz Russ:
Die Bewertung bleibt menschlich – und das ist die wichtigste Aufgabe. Daten sind zwar der Rohstoff der Zukunft und wir werden es auch schaffen, auch viel davon in einem Algorithmus abzubilden. Doch die Bewertung von Grauzonen kann eine künstliche Intelligenz nicht übernehmen. Unser Sachverstand bleibt als menschlicher Faktor erhalten.

 

Welche Rolle kann eine künstliche Intelligenz bei einer Prüfung spielen?
Karlheinz Russ:
Wir können die vorhandenen Daten nutzen, um Eindeutigkeiten herauszufiltern. Sachverständige Algorithmen können anschließend dazu beitragen, dass wir effizienter arbeiten, denn sie können uns offensichtliche Ergebnisse abnehmen. Wir können das mit einer Ampel vergleichen. Rot ist Ausschuss, darüber müssen wir nicht mehr sprechen. Bei Grün ist hingegen alles in Ordnung. Aber wenn die Ampel auf Gelb steht, wird der Sachverständige immer gefragt sein.

 

Smarte Lösungen sparen Zeit

Wie definieren Sie Smart Inspection Services?
Karlheinz Russ:
Der Begriff bezieht sich nicht auf rein digitale Lösungen. Er beinhaltet auch zerstörungsfreie Prüfungen oder andere Methoden, die wir schon lange kennen und die wir jetzt intensiver nutzen wollen. Predictive Maintenance oder Permanent Monitoring hat das Ziel, Anlagen entsprechend ihrem Lebenszyklus zu inspizieren und nicht, weil eine festgelegte Frist von fünf oder zehn Jahren abläuft. Unsere Prüfmethoden, die diesem Gedanken entsprechen, sammeln wir unter dem Begriff „Smart Inspection Services“.

 

Welche Vorteile bieten smarte Services für eine digitalisierte Produktion?
Karlheinz Russ:
Zum einen kürzere Ausfallzeiten, zum anderen längere Laufzeiten der Anlage. Denn die Prüfungen sind an die Belastungen des gesamten Systems angepasst – und orientieren sich nicht an veralteten Erfahrungen. Gleichzeitig erhöhen die Smart Inspection Services den Arbeitsschutz, denn unsere Sachverständigen haben weniger körperliche Belastungen und müssen nicht mehr in gefährliche Behälter klettern. Wir können die notwendigen Informationen anders gewinnen. Das spart uns Allen Zeit. Darüber hinaus kann der Anlagenbetreiber besser kalkulieren. Er muss keine Behälter leeren oder eine Anlage anhalten. Und sollten wir etwas finden, weiß er sofort, welche Ersatzteile er bestellen muss. Das macht eine smarte Inspektion aus.

 

Diese Vorteile sind starke Argumente für die modernen Prüfmethoden. Aber haben die smarten Inspektionen auch Risiken?
Karlheinz Russ:
Die Sicherheit der Daten ist immer ein Thema. Wir müssen uns gut überlegen, wie wir mit den Informationen umgehen und wo wir sie sicher speichern können. Weil wir uns in einer Übergangszeit befinden, müssen wir auch die entwickelten Algorithmen gründlich kontrollieren, bevor wir sie einsetzen. Aber in Summe bleibt unser Geschäft das Gleiche. Unser Business ist es, das Risiko zu bewerten – seit 150 Jahren.

 

Prüfungen fördern nachhaltige Produktion

Was macht eine Prüfmethode smart?
Karlheinz Russ:
Smart sind die Lösungen, die eine altherkömmliche Prüfmethode ersetzt. Wenn ich also nicht mehr in einen großen Druckbehälter reinklettern muss, um eine Aussage zu treffen. Bei der Schallemissionsprüfung kann ich beispielsweise von außen feststellen, ob es kleine Risse oder Korrosion gibt. Das vereinfacht unsere Prüfung enorm – und zeigt dem Kunden gleichzeitig, dass es besser geht. Und von diesen zerstörungsfreien Prüfungen haben wir viele, die jetzt sehr gefragt sind. Weil unsere Methoden enorm Zeit sparen, etwa weil die Behälter nicht entleert werden müssen. Das ist smart.

 

Bleiben wir beim Beispiel der Schallemissionsprüfung. Wie funktioniert diese Methode konkret?
Karlheinz Russ:
Die Druckbehälter müssen nicht mehr gereinigt werden, denn wir schauen nur noch von außen darauf. Ein Vorteil betrifft die Gasdruckprüfung eines Behälters. Früher musste man den geprüften Bereich dafür evakuieren. An dieser Stelle überwachst die Schallemissionsprüfung den Vorgang. Weil wir schon ein Knacken hören, wenn ein Riss entsteht, wissen wir frühzeitig, dass ein Schaden vorliegt. Außerdem kann ich aktive Korrosion ermitteln. So können wir zwei Prüfaussagen mit nur einer Methode treffen. Das ist ein großer Vorteil – auch für den Betreiber.

 

Und wie reagieren die Anlagenbetreiber auf die neue Methode?
Karlheinz Russ:
Die Schallemissionsprüfung bringt in Summe mehr, als die klassische Prüfung eines Druckbehälters. Auch wenn das Equipment seinen Preis hat. Aber damit wird die Rüstzeit insgesamt günstiger und die Laufzeiten länger. Dieses Verständnis setzt sich zunehmend durch. Manche Unternehmen sagen auch schon ganz konkret, dass sie ab 2030 niemanden mehr in ihren Behältern sehen wollen. Die Prüfungen müssen spätestens zu diesem Zeitpunkt von außen erfolgen.

 

Wird die Produktion damit auch nachhaltiger?
Karlheinz Russ:
Natürlich. Das kennen wir aus anderen Bereichen, zum Beispiel beim Auto. Dank der flexiblen Wartungspläne können Werkstätten die benötigten Ersatzteile schon vorab bestellt werden. Bremsbeläge werden dann ausgewechselt, wenn sie verbraucht sind und nicht bloß, weil sie in einem Wartungsplan stehen. Dieses Bewusstsein benötigen wir auch an anderen Stellen. Die Reinigung eines Behälters in der chemischen Industrie produziert Abwässer, die behandelt und gereinigt werden müssen. Das kostet mehr als Geld. Es ist auch eine Umweltbelastung, die nicht sein muss.

 

Mit smarten Prüfungen oder permanentem Monitoring werden sehr viele Informationen gesammelt. Welche Rolle spielt die Verarbeitung der erhobenen Daten?
Karlheinz Russ:
Im Endeffekt können wir mit Remote-Prüfungen und den dabei gesammelten Informationen den Stand der Anlage betrachten. Das kommt gerade jetzt während der COVID-19-Pandemie den Betreibern entgegen. Denn manche Unternehmen sind systemrelevant und können ihre Produktion nicht herunterfahren. Hier helfen die Daten, die ich mit den Smart Inspection Servies gewonnen habe – oder mit klassischen Korrosionsprotokollen. Damit können wir Prüfaussagen treffen, ohne dass die Anlage stillstehen muss. Die Informationen können wir auch vor Ort nutzen, wenn wir beim Betreiber beurteilen, ob eine Anlage nach dem Corona-Stillstand wieder hochgefahren werden kann. Wenn ich eine belastbare Datenlage habe, ist eine solche Aussage viel einfacher zu treffen.

 

Die COVID-19-Pandemie hat sowohl Auswirkungen auf die laufende Produktion als auch auf die wiederkehrenden Prüfungen. Was müssen Anlagenbetreiber bei den Prüffristen beachten?
Karlheinz Russ:
Grundsätzlich räumt der Gesetzgeber eine Verschiebung von wiederkehrenden Prüfungen ein. Dafür wird ein Gutachten zur Prüffristenverlängerung von einer zugelassenen Überwachungsstelle benötigt. Der Betreiber muss dabei begründen, warum eine Verschiebung realisierbar ist. Wenn die zuvor mit smarten Inspektionen ermittelten Daten ihn bei der Argumentation unterstützen, ist das natürlich von Vorteil. Aber dieses Konzept muss eine zugelassene Überwachungsstelle bestätigen, gegebenenfalls mit zusätzlichen Untersuchungen. Es kann ja sein, dass eine Anlage einen minimalen Schaden hat. Dann müssen wir feststellen, ob der Schaden voranschreitet oder stagniert. Das ist zum Beispiel in Raffinerien schon lange ein Thema.

 

Wie kann eine technische Überwachung die Betreiber von Anlagen bei der Wiederinbetriebnahme zusätzlich unterstützen?
Karlheinz Russ:
Mit unserem Know-how können wir Vorschläge machen, wie eine Ersatzprüfung aussehen kann. Wir können zusätzlich mit Hilfe der gesammelten Daten bewerten, welche Anlagenbereiche risikorelevant sind. Zusätzlich sind wir eine Schnittstelle zu den Behörden. Hier sind wir häufig der erste Ansprechpartner. Bei diesen Bewertungen ist gerade jetzt unser Sachverstand gefragt, und zwar noch bevor weitere Akteure hinzugezogen werden. Denn jetzt sind Anlagenbetreiber in einer Grauzone, die Ampel steht sozusagen auf Gelb. Und wir können die vorhandenen Informationen prüfen, bewerten und interpretieren. Es geht um nichts anderes als das Risiko abzuschätzen. Das ist unser Business.

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