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Homologation: Dynamische Lasten

Premiumhersteller Riese & Müller bringt seine schnellen E-Bikes seit jeher mit Hilfe der Spezialisten für Typprüfung von TÜV Hessen auf den Markt.

(Quelle: Riese-Müller)

Cargobikes gehören längst zum gewohnten Bild in unseren Städten. Gerade die Lastenräder mit elektrischer Unterstützung boomen. Teilweise bezuschusst durch nationale, landesweite oder lokale Förderprogramme, sind die E-Cargobikes für Privatleute, aber auch Gewerbetreibende in Anschaffung und Unterhalt günstiger und in vielen Situationen praktischer als Pkw. Elektroschub und Wind um die Nase schaffen außerdem etwas, das für das Autofahren in der Stadt kaum noch gilt: Freude am Fahren. Der Marktführer im Premium-Segment der E-Bikes und Lastenräder, Riese & Müller, hat seine Wurzeln in Darmstadt und, auch räumlich, eine enge Verbindung zu TÜV Hessen. Dessen in Pfungstadt ansässige Experten für Typprüfung arbeiten seit mehr als zehn Jahren mit dem Unternehmen zusammen.

Für Hersteller Riese & Müller ist die Homologation – das Genehmigungsprozedere für die Marktzulassung neuer Kraftfahrzeugtypen, Systeme und Komponenten – ein Thema, weil er Modelle in der Klasse der „schnellen E-Bikes“ im Portfolio hat. DieseS-Pedelecs“, deren Elektromotoren bis zu 4 Kilowatt Nenndauerleistung erbringen und bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h unterstützen, gelten laut EU-Kategorisierung als Kleinkrafträder. Auf den ersten Blick als S-Pedelec erkennbar sind sie durch das blecherne Versicherungskennzeichen am Heck.

 

Beginn mit Einzelabnahmen

„Ich war von Anfang an Ansprechpartner von Riese & Müller“, erzählt Gernot Münk. Er homologiert seit 1992 als Sachverständiger von TÜV Hessen Fahrzeuge, Komponenten und Bauteile. Münk arbeitet am Standort Pfungstadt, wo sich das Automotive-Geschäft von TÜV Hessen konzentriert (siehe Live 3-2019). Inzwischen werden die Homologations-Spezialisten zunehmend auch mit der Prüfung schneller E-Bikes beauftragt. Als Gernot Münk 2009 erstmals ein Rad von Riese & Müller prüfte, war das 1994 von Markus Riese und Heiko Müller gegründete Unternehmen längst ein angesehener Hersteller (siehe Infobox auf Seite 10). „Sie konstruierten damals noch keine kompletten E-Bikes, sondern bauten Elektromotoren in fertige Fahrräder ein“, erinnert sich Münk. Für ihn bedeutete das Einzelabnahmen: Er prüfte die Prototypen – und jedes einzelne gefertigte Rad. „Heute wäre das alleine von den Stückzahlen her gar nicht mehr machbar“, sagt er lachend.

Seit einigen Jahren brummt der Markt für E-Bikes. Die Modelle von Riese & Müller sind längst gezielt für ihre speziellen Einsatzzwecke konzipiert, konstruiert und gebaut. Die Hersteller haben sich neue Kundengruppen erschlossen. Beispiel Lastenrad: Was früher ein Spezialfahrzeug für Kurierfahrer war, ist längst aus dieser Nische herausgefahren. Für viele in der Stadt lebende Familien ist das Cargobike heute das Hauptfahrzeug. Die Modellauswahl ist groß, die E-Motoren sind leistungsstark, die technischen Features hochmodern. Der Wettbewerb ist von Innovationen geprägt, berichtet Gernot Münk: „Unsere Kunden, allen voran Riese & Müller, entwickeln laufend neue Ideen.“

 

Scharnier zwischen Amt und Hersteller

Den Entwicklungen von Technik und Märkten hinken die gesetzlichen Regeln hinterher. „Die Vorschriften ändern sich ständig, der Status quo hat nie lange Bestand“, erklärt Münk. „Die Anfang 2017 in Kraft getretene neue EU-Typgenehmigung hat den Aufwand spürbar vergrößert.“ Seither ist weit mehr reglementiert, muss die komplette Produktpalette samt zahlreicher neuer technischer Aspekte nach dem neuem Verfahren geprüft werden (?). In ihrer Rolle als Prüfdienstleister fungieren die Experten von TÜV Hessen als verlängerter Arm der genehmigenden Behörde, sind zudem das Scharnier zwischen dieser und dem Hersteller. „Es ist sehr spannend, die dynamischen Entwicklungen von Technik und Regelwerken in Einklang zu bringen“, sagt Münk.

„Für uns ist es ein Glück, über viele Jahre mit Gernot Münk zusammenzuarbeiten“, sagt Markus Riese, Gründer und Geschäftsführer von Riese & Müller (siehe Interview auf Seite 11). „Es ist extrem anspruchsvoll, die Richtlinien und die vielen Änderungen zu durchschauen. Gernot Münk ist super kompetent in dem Thema und enorm engagiert. Er tut alles, damit wir unsere engen Zeitpläne halten können.“ Münk hat wie die Firmengründer Markus Riese und Heiko Müller Maschinenbau an der damaligen Technischen Hochschule Darmstadt studiert. Inzwischen bildet seitens Riese & Müller Sabine Ammon, „Technical Documentation/Homologation“, die Schnittstelle nach Pfungstadt.

Auch Gernot Münk hat inzwischen Unterstützung. Seine junge Kollegin Florence Oberhoff ist gelernte Zweiradmechanikerin, ebenfalls studierte Maschinenbauerin und seit zwei Jahren Homologationsingenieurin bei TÜV Hessen. Als Tandem betreuen Oberhoff und Münk die Zweiradprojekte und teilen sich die vielfältigen Aufgaben. Sie prüfen, dokumentieren und halten sich über technische und regulatorische Entwicklungen auf dem Laufenden. Zugleich unterstützen und begleiten sie ihre Kunden, tauschen sich häufig mit ihnen aus. Von ihrem erfahrenen Kollegen kann sich Florence Oberhoff viel abschauen. „Bis man sich die umfassenden Qualifikationen angeeignet hat, dauert es Jahre“, sagt sie. „Aber man lernt nie aus – und die Vorgaben ändern sich ohnehin regelmäßig.“

 

Von der Halle an den Schreibtisch

Bis zu 25 Prüfungen nehmen Münk und Oberhoff an einem neuen Modell vor. Die Homologationsingenieure prüfen unter anderem Bremsen und Beleuchtung, Anbauten wie Seitenständer oder Soziussitz und die elektrische Sicherheit. „Wir sind für das komplette Fahrzeug akkreditiert, können also alles aus einer Hand anbieten“, sagt Florence Oberhoff. Ausgenommen sind lediglich Rahmenfestigkeitsprüfungen und das regulatorisch getrennt behandelte Batteriesystem. Nach den technischen Prüfungen in der Halle und im Freien geht es an den Schreibtisch: Dann brüten die Ingenieure über der bereitgestellten technischen Dokumentation und den greifenden Vorschriften. Denn mit beidem muss die technische Ausstattung im Einklang sein.

Die gesamte Arbeit mündet in den Prüfbericht, der nicht selten 150 Seiten umfasst. Es folgt der Austausch mit dem Kraftfahrt-Bundesamt als der genehmigenden Behörde. „Unsere Arbeit ist getan, wenn dem Hersteller die behördliche Genehmigung für das Produkt vorliegt“, erklärt Münk. Und ergänzt nach einer kurzen Pause lächelnd: „Aber die nächste Variation kommt bestimmt: eine geänderte Beleuchtung oder ein neuer Ständer. Das bedeutet einen Änderungsantrag – und dann wird nachhomologiert.“


Autor: Daniel Timme

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Homologation (Typprüfungen und Mustergutachten)

Wenn es um die Typprüfung geht, ist TÜV Hessen als Technischer Dienst mit eigenen Laboren seit vielen Jahren kompetenter Partner der Automobilindustrie.

 

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