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Agiles Management in Saudi-Arabien

Internationales Projektmanagement ist eine anspruchsvolle Aufgabe und erfordert ein hohes Maß an Agilität, Koordinationsvermögen und eine gute Planung. Um die Sicherheit zu verbessern ist TÜV Hessen deshalb international vertreten und in mehreren Ländern aktiv – etwa in Saudi-Arabien. Dort unterstützt das Projekt Management Office von TÜV Hessen nachhaltige Bauvorhaben.

(Quelle: Adobe Stock / Olexandr)

Die Wirtschaft auf der arabischen Halbinsel ist vom Erdöl geprägt, der Rohstoff sichert den Wohlstand der Region. Mehr als zehn Prozent der weltweiten Förderung kommt aus Saudi-Arabien, die Felder sind allerdings schon seit mehreren Jahrzehnten in Betrieb. Deshalb hat das Königreich ein umfangreiches Reformpaket gestartet. Die „Vision 2030“ hat ambitionierte Ziele: Innerhalb weniger Jahre sollen 450.000 Arbeitsplätze entstehen, der öffentliche Sektor abgespeckt sowie die Wirtschaft diversifiziert werden, um die Abhängigkeit von den natürlichen Ressourcen zu reduzieren.

Neben Leuchtturmprojekten wie der geplanten Megastadt Neom steht auch bezahlbarer Wohnraum für die einheimische Bevölkerung im Fokus der Regierung. Das saudi-arabische Wohnbau-Ministerium hat die Aufgabe bis 2030 1,5 Millionen Wohneinheiten zu errichten. Bisher wurde eine hohe Zahl an Ein- bis Zwei-Familienhäusern und Wohnungen gebaut – leider mit vielen Baumängeln. Ursache sind unter anderem fehlende neutrale Inspektionen und das damit verbundene unabhängige Third Party-System. Deshalb soll der Einsatz unabhängiger Inspektoren die Qualität der neu gebauten Häuser erhöhen. Im Zuge der Saudiazation sollen saudi-arabische Inspektoren diese Aufgabe mittel- bis langfristig übernehmen.

 

Qualitätssicherung am Bau

Um das nachhaltige Bauvorhaben des Wohnbauministeriums zu unterstützen, ist TÜV Hessen zusammen mit TÜV SÜD Middle Saudi Arabia LLC in Saudi-Arabien aktiv. „Wir pflegen schon seit mehreren Jahren gemeinsam mit TÜV SÜD Industry ein Netzwerk auf der arabischen Halbinsel, und haben den Punkt der partnerschaftlichen Zusammenarbeit erreicht“, berichtet Thore Lapp. Als Vice President Industrie Service ist er auch für das Projektmanagement Office (PMO) zuständig. Des Weiteren ist Lapp strategischer Geschäftsentwickler der TÜV SÜD Industry Divison. Vor Ort ist zudem das Team von TÜV SÜD Saudi-Arabia LLC in die Planung und Umsetzung von Schulungen eingebunden. Weitere TÜV SÜD Units sind ebenfalls in dem Projekt engagiert. Seit August vertritt Abdulkarem Aqlan als internationaler Projektingenieur von TÜV Hessen PMO den gesamten Konzern vor Ort. Darüber arbeiten weitere Mitarbeiter von TÜV Hessen regelmäßig in Saudi-Arabien an dem Projekt.

„Beim Aufbau des PMO haben wir uns an die Vorgaben des klassischen Projekt Managements gehalten. Der Anteil des agilen Projektmanagements ist allerdings vor allem in der Anfangsphase hoch.“, erklärt Thore Lapp. Allgemeine Beschreibungen von Begriffen und Prozessen des Projektmanagements bietet die Norm ISO 21500. Daher kann sie branchenübergreifend auf Projekte als Leitfaden angewendet werden – unabhängig von Komplexität, Größe und Dauer. Auch deshalb übernimmt TÜV Hessen bei den Aufgaben auf der arabischen Halbinsel die operative Leitung.

 

Lehrpläne für QA/QC bei Bauvorhaben

Zunächst erstellte das Team um Thore Lapp dafür umfangreiche Lehrpläne und Lehrbücher mit mehreren hundert Seiten für die verschiedenen Aufgaben. Grundlage war der Saudi Building Code (SBC), der lokale Anforderungen an Gebäude definiert und sich am Internationalen Building Code (IBC) orientiert. Der Kodex soll dazu beitragen, die öffentliche Gesundheit und Sicherheit schützen und gleichzeitig unnötige Kosten und die Bevorzugung bestimmter Materialien oder Bauweisen vermeiden. Um sicherzustellen, dass die angehenden Prüfer die nötige Qualifikation besitzen, etablierte das Projektteam auch anspruchsvolle Voraussetzungen, um am Schulungsprogramm teilzunehmen.

Die saudischen Inspektoren werden an mehreren Standorten bis März 2019 von TÜV Hessen geschult. In mehreren Trainingseinheiten in Raid, Jeddah, Medina, Dammam, Tabuk und Abha erhalten die angehenden Prüfer wertvolle Einblicke in den Alltag der Kontrollen am Bau. Für TÜV Hessen vermitteln neben Abdulkarem Aqlan auch Ulrich Forchheim und Radoslaw Bonczyk die vielfältigen Schulungsinhalte. Neben der Theorie stehen auch praktische Einheiten auf dem Programm. „Wir haben den Lehrplan sowohl detailliert als auch abwechslungsreich gestaltet“, sagt Thore Lapp. „Neben häufig auftretenden Mängeln lag unser Fokus auch auf den lokalen Gegebenheiten, etwa beim Klima und dem Untergrund“.

 

Internationale Qualität

Parallel zur Ausbildung der Prüfer werden auch weitere Trainer geschult, um die Schulungen kontinuierlich fortzusetzen. Denn die Inspektoren sind die Grundlage einer unabhängigen Prüfstruktur in Saudi-Arabien. Auch in diesem Bereich hat das Königreich ambitionierte Ziele. bis 2020 sollen weit mehr als 2.000 neue Inspektoren einsatzbereit sein. Deshalb ist die Ausbildung einheimischer Coaches eine zentrale Aufgabe. Die saudischen Trainer werden von TÜV Hessen nach ihrem Abschluss weiterhin angeleitet und auditiert – mit angemeldeten und unangemeldeten Überprüfungen. „So stellen wir sicher, dass unsere hochwertigen Lehrpläne optimal an die Prüfer und Trainees vermittelt werden“, erklärt Thore Lapp. „Auch für die Fragen und Korrektur der Abschlussprüfungen sind wir weiterhin verantwortlich.“

Nach ihrer Ausbildung kommen die Inspektoren in einen Experten-Pool und werden über eine zentrale Plattform den Bauprojekten und Hold Points zufällig zugeteilt, die sie prüfen sollen. Auf diese Weise geht das Königreich gegen Korruption vor, denn der Bauherr kann sich den Prüfer nicht aussuchen oder vorab versuchen, das Ergebnis zu beeinflussen. Damit wird eine unabhängige Prüfstruktur in Saudi-Arabien etabliert – mit wesentlicher Unterstützung von TÜV Hessen und TÜV SÜD.

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