• Gesellschaft & Verantwortung

„Als Frau stehe ich immer im Fokus“

Marion Baake ist Leiterin des Werkstoffprüflabors von TÜV Hessen im Frankfurter Stadtteil Kalbach. Im Interview spricht sie über ihre Karriere als Frau in einem technischen Beruf.

Wie oft mussten Sie schon den Spruch „Frauen und Technik“ ertragen?

Marion Baake: Ganz ehrlich? Bei TÜV Hessen noch gar nicht – und ich bin jetzt schon seit zehn Jahren im Unternehmen.

 

War Ingenieurin schon immer Ihr Traumberuf?

Marion Baake: Ich komme aus einer nicht-akademischen Familie, deshalb war mir gar nicht bewusst, was der Beruf als Ingenieurin alles mit sich bringt. Ich wusste aber schon immer, dass ich nicht nur am Computer sitzen möchte, sondern etwas mit meinen Händen arbeiten will. Deshalb habe ich auch als Mädchen beim Schreiner im Ort nach einem Praktikum gefragt und nicht in einem Büro. Selbst etwas zu bauen, fand ich toll. Schon als Kind habe ich gerne Baumhäuser gebaut. Das Größte für mich war, als meine Mutter mir im Baumarkt Hammer und Nägel gekauft hat.

Heute ist es mein Traumberuf. Nach zehn Jahren bei TÜV Hessen weiß ich, Ingenieurin war für mich die richtige Wahl. Vor allem die Stelle im Werkstoffprüflabor ist sehr, sehr nahe am Ideal.

 

Wie kam es zur Wahl des Studiums?

Marion Baake: Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht und dabei festgestellt, dass es nicht das Richtige für mich ist. Danach habe ich mein Abitur gemacht und Maschinenbau studiert, mit Fokus auf Industriedesign. Das hat mich einfach interessiert und am meisten Sinn gemacht. Über meine Bachelorarbeit bei der Staatlichen Materialprüfungsanstalt Darmstadt (MPA) bin ich schließlich zum Thema Werkstoffprüfungen gekommen. Das fand ich spannend, denn es sind Perspektiven, die normale Verbraucher nicht erhalten. Als ich anschließend die Stellenausschreibung von TÜV Hessen gesehen habe, war für mich klar: Das ist mein Job.

 

Wie kam es zu Ihrem Einstieg bei TÜV Hessen?

Marion Baake: Bei meiner ersten Bewerbung bin ich wohl zunächst durch ein Raster gefallen. Aber ich war hartnäckig, denn ich wollte den Job. Deshalb habe ich nicht lockergelassen und bei einer Recruiting Messe aktiv den Kontakt zu TÜV Hessen gesucht. Dort habe ich meine Unterlagen nochmal abgegeben. Vier Tage später kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch im Werkstoffprüflabor – und ich habe die Stelle bekommen. Meine Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt.

 

Wie verlief Ihre Karriere im Werkstoffprüflabor?

Marion Baake: Mit mir stand das Werkstoffprüflabor zunächst vor elementaren Herausforderungen. An meinem ersten Tag stellte sich die Frage: Wo kann sich Frau Baake umziehen? Dass ich als einzige Frau immer eine „Extrawurst“ bekommen habe, war mir auch etwas unangenehm.

Viel wichtiger jedoch war die Anerkennung des Teams. Ich war die erste Frau im Prüfgeschäft. Meine Kollegen hatten zunächst ganz banale Bedenken. Aber mit meiner Art habe ich gut ins Team gepasst, denn ich habe gleich aktiv mitgearbeitet. Man darf sich nicht als etwas Besonderes fühlen, sondern muss sich auch die Hände schmutzig machen, um sich zu integrieren. Als erstes habe ich zum Beispiel Regale gebaut, um die Proben besser lagern zu können.

 

Was hat sich seit Ihrem Einstieg geändert?

Marion Baake: TÜV Hessen war immer offen für Frauen. Denn ich habe eine Chance bekommen, obwohl die Gegebenheiten teilweise noch nicht vorhanden oder ideal waren – Stichwort Umkleide. Dafür bin ich dankbar. Und mittlerweile entscheiden sich auch immer mehr Frauen, als Sachverständige bei uns einzusteigen. Aber Frauen müssen das wollen und sich in der Männerwelt behaupten, beispielsweise in Fertigungshallen.

Arbeitskleidung ist dafür immer ein Thema. Es fehlt manchmal noch an der Grundausstattung. Wir haben beispielsweise Allround-Wetterjacken. Laut Bestellkatalog sind es Unisex-Größen. Ich versinke trotzdem in dieser Jacke und die Ärmel sind für mich zu lang. Aber die Auswahl der Arbeitskleidung hat sich grundsätzlich verbessert. Wir haben mittlerweile Jeans und Polo-Shirts, usw. für Frauen. Ich merke, dass an dieser Stelle auch an Frauen gedacht wird.

 

Welchen Rat geben Sie Frauen, die neu bei TÜV Hessen einsteigen?

Marion Baake: Ich merke, dass Frauen und Mädchen sich schneller entschuldigen. Dabei ist das oft nicht nötig. Frauen kommen schnell an den Punkt, an dem sie uns im Bewerbungsgespräch erklären, was sie nicht können. Männer verkaufen ihre Talente direkter. Das ist vielleicht eine Erziehungsfrage und überträgt sich auf den Berufsalltag. Heute sind die Mädchen allerdings tougher. Hier ist generell ein Wandel in der Gesellschaft vorhanden. Mädchen dürfen und sollen selbstbewusst sein und sich auch, wenn es sein muss, wehren dürfen.

 

Was fasziniert Sie heute an Ihrer Arbeit?

Marion Baake: Die Arbeit im Werkstoffprüflabor ist ein bunter Mix. Das ist das Schöne. Die Abwechslung im Unternehmen und gerade in meiner Position ist ein Highlight. Gestern war ich noch auf einer Baustelle im Graben – heute sitze ich im Blazer im Büro. Das ist faszinierend, das finde ich an dieser Stelle in keinem anderen Job. Es ist auch deshalb so vielseitig, weil ich die klassische Abteilungsleitung habe. Also Kosten- und Personalverantwortung. Gleichzeitig habe ich als Laborleiterin die fachliche Verantwortung. So ist jeder Tag anders und ich kann mir einteilen, ob ich mich heute eher der Verwaltung meines Teams widme oder fachlichen Aufgaben. Dann kümmere ich mich zum Beispiel um schweißtechnische Abnahmen beim Kunden oder mische im Prüfgeschäft im Labor mit.

 

Was war bis heute Ihre größte Herausforderung „als Frau unter Männern“?

Marion Baake: Akzeptanz ist immer ein Thema. Aber die Herausforderung als Frau unter Männern ist, dass ich immer im Fokus stehe. Ob ich möchte oder nicht. Selbst wenn ich nur als Zuhörerin auf einer Veranstaltung oder in einem Meeting bin: jeder kennt mich. Meinen Namen haben viele gespeichert, weil ich häufig die einzige Frau im Raum bin. Das muss mir bewusst sein. Ich habe aber gelernt, damit umzugehen. Das hat auch Vorteile. Bei TÜV Hessen kennt man mich. Viele Kollegen wissen, wer Marion Baake ist. Ich falle auf und bin deshalb auch gefragt.

 

Warum ist der International Women’s Day relevant?

Marion Baake: Ich glaube aktuell verändert sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft wieder. Umso wichtiger ist es, diese Rolle zu thematisieren, um Rückschritte zu verhindern. Denn unser Ziel der Gleichberechtigung haben wir nicht erreicht, so lange wir darüber sprechen müssen. Sonst wäre es nichts Besonderes, dass ich als Frau in einer Führungsposition bin. Das müssen wir ändern.

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