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Raser drängeln in den Vordergrund

Die Zahlen sind erschreckend. Im vergangenen Jahr standen bei rund 13.500 Unfällen mit Personenschaden die Fahrer unter Alkoholeinfluss. Ähnlich verheerend sind die Folgen von Verkehrsunfällen bei drastisch überhöhter Geschwindigkeit. Im Gespräch erläutert Horst Ziegler, Bereichsleiter Life Service von TÜV Hessen, welche Methoden die Gefahr im Straßenverkehr reduzieren können.

Wie unterstützt die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) generell die Verkehrssicherheit?

Horst Ziegler: Wenn Personen mit einem erhöhten Promillegehalt im Straßenverkehr auffallen und deshalb aus dem Verkehr gezogen wurden, haben sie auch eine entsprechend hohe Rückfallwahrscheinlichkeit. Deshalb dürfte diese Gruppe eigentlich nicht mehr Autofahren. Die MPU ergänzt den Schutz der Verkehrsteilnehmer um eine Chance für die Alkoholfahrer. Innerhalb ihrer Sperrfrist können sie sich rehabilitieren und an ihren Problemen arbeiten. Wurden mehr als 1,6 Promille bei einer Kontrolle festgestellt, muss der Täter mit einer Prüfung nachweisen, dass er dazu geeignet ist, mit einem Auto am Straßenverkehr teilzunehmen. Diese Aufgabe übernimmt die MPU.

 

Die Nachweispflicht liegt also beim aufgefallenen Fahrer?

Horst Ziegler: Richtig. Er muss seine Eignung nachweisen. Mit der Fahrt hat er sich als ungeeignet gezeigt und er kann sich nun mit der MPU wieder von den Eignungszweifeln entlasten.  Dahinter steht eine ganz eigene Philosophie. Die Menschen, die zu uns kommen, sollten mit uns kooperieren und uns die Argumente liefern, durch die  wir uns mit einem Gutachten bei der Fahrerlaubnisbehörde für sie einsetzen können. Wir müssen dabei aber berücksichtigen, dass wir auch die Aufgabe erfüllen, die Allgemeinheit vor Menschen mit hoher Rückfallwahrscheinlichkeit zu schützen. Das ist unser Beitrag zu Verkehrssicherheit.

 

Es gibt Überlegungen, die MPU-Grenze auf 1,1 Promille abzusenken. Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa hat ermittelt, dass 73 Prozent der Bürger diese Absenkung befürworten. Was wären die Folgen dieser Absenkung?

Horst Ziegler: Ein deutliches Plus für die Verkehrssicherheit! Es gab bereits eine Art Feldversuch in der Realität, da in in einigen Bundesländern, etwa Baden-Württemberg, Berlin oder Hamburg die 1,1-Promille-Grenze für die MPU für 12 bis 18 Monate eingeführt worden war. Mit dem Ergebnis, dass es keine großen Unterschiede gibt – das zeigen die empirischen Daten. Die Ergebnisse der Gutachten zeigen, dass die Gruppe der alkoholauffälligen Fahrer ab 1,1 Promille sehr homogen ist zu der Gruppe ab 1,6 Promille und einen gleichermaßen hohen Gefährdungsgrad besitzt, inklusive Rückfallgefahr.

Grundlage für die Erfahrungen waren verschiedene Gerichtsurteile etwa der Oberlandesgerichte in Mannheim oder München. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Urteile jedoch rückgängig gemacht, deshalb gilt derzeit wieder die 1,6-Promille-Grenze. Diese Grenze berücksichtigt jedoch nicht, dass eine sehr hohe Gefahr für die Verkehrssicherheit durch die Gruppe der alkoholauffälligen Fahrer ab 1,1 Promille ausgeht und führt zu einer rechtlichen Ungleichbehandlung. Hier ist jetzt der Gesetzgeber gefordert, um alle Verkehrsteilnehmer vor dieser Risikogruppe zu schützen.

 

Vision Zero für Europa

Wie sieht es im europäischen Vergleich aus?

Horst Ziegler: Die Europäische Union hat vor einigen Jahren die „Vision Zero“ ausgerufen, mit dem Ziel, dass es keine Verkehrstoten mehr geben sollte. Das ist zwar sehr utopisch, aber so konnte die Zahl der Opfer sehr stark reduziert werden – und zwar europaweit. Allerdings stagniert diese Entwicklung in einigen Ländern. Dazu zählt seit einiger Zeit  auch Deutschland. Deshalb sind weitere Anstrengungen notwendig, um den Verkehr noch sicherer zu machen. Denn die Vision-Zero-Vorgaben der EU erfüllen wir derzeit nicht. Aber die Bundesregierung unternimmt hier zu wenig, weder bei der 1,1-Promille-Grenze noch bei anderen Maßnahmen für verkehrsauffällige Kraftfahrer.

 

Welchen Beitrag könnten technische Lösungen leisten, etwa Alkohol-Interlock-Systeme?

Horst Ziegler: Im gewerblichen Güter- und Personentransport sind diese sehr zu empfehlen, denn hier gilt die 0,0-Promille-Grenze. Damit sind allerdings Investitionen verbunden, denn Busse, Taxis oder Lkws sollten relativ einfach nachzurüsten oder gleich damit ausgestattet sein. Hier stellt sich jedoch auch die Frage nach Aufwand und Effekt, denn die überwiegende Mehrheit der Berufskraftfahrer ist unproblematisch. Aber in Fahrzeugen, die viel unterwegs sind und hohe Anforderungen an die Fahrer gestellt werden, sind diese Systeme eine Chance, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen.

 

Alkohol, Drogen – und Raser

Mit Alkohol am Straßenverkehr teilzunehmen ist höchst gefährlich – aber welche Verkehrsgefährder gibt es noch?

Horst Ziegler: Neben alkoholisierten Verkehrsteilnehmern steigt seit vielen Jahren die Zahl an auffälligen Personen, die mit Drogen und Medikamenten Auto fahren. Eine weitere große Gefahr sind Raser. Ein Drittel aller Verkehrstoten ist auf erhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen. In der Öffentlichkeit werden tödliche Unfalle aufgrund von überhöhter Geschwindigkeit und rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern zunehmend problematisiert.

Der größte Faktor für Unfälle bleibt aber die Ablenkung. Das Smartphone ist hier sicher für ein großer Einfluss. Aber Ablenkung geht über das Telefonieren und Surfen hinaus, auch Änderungen im Navigationssystem während der Fahrt zählt dazu. Es gibt auch Studien, die nachweisen, dass 50 Prozent aller Verkehrsunfälle die Folge von Ablenkung sind.

 

Wie würden Sie einen Verkehrsgefährder definieren?

Horst Ziegler: Damit ist nicht jemand gemeint, der sich faktisch einmal in einer Situation verkehrsgefährdend verhalten hat. Die Zahl der Menschen, die im Fahreignungsregister in Flensburg registriert sind, ist ja relativ niedrig. Und die wenigsten davon haben mehr als vier Punkte in Flensburg. Das sind Verkehrsgefährder: Fahrer, die wiederholt und häufig auffallen. Entsprechend hoch ist ihr Punktekonto.

 

Otto-Normalfahrer betrifft es nicht

Wie kann man diese Menschen erreichen – mit freiwilligen Fahreignungsseminaren?

Horst Ziegler: Die freiwilligen Seminare zum Punkteabbau haben in einer kürzlich erfolgten Evaluation keine Wirkung gezeigt. Die Ursache liegt wohl darin, dass die Teilnehmer vor allem Personen waren, die geringere Punktestände hatten und lediglich einen Punkt abbauen wollten, um sich dadurch beispielsweise wieder für das begleitende Fahren ihrer Kinder zu qualifizieren. Personen mit einem oder zwei Punkten sind jedoch nicht die Problemgruppe. Sie haben ihre Fehler schon erkannt und ihr Verhalten im Verkehr angepasst. Für die viel gefährlicheren Fahren mit einem sehr hohen Punktestand gibt es kein attraktives Angebot zum Abbau und auch keine verpflichtende Teilnahme beispielsweise ab sechs Punkten.  

Für diese Fahrer mit hohem Punktestand sind die Seminare auch weniger geeignet, denn sie benötigen eine viel intensivere Betreuung. Der bisherige Umfang ist für die Gruppe der Verkehrsgefährder zu kurz, um die oft schwerwiegende Fehleinstellungen diese Personen zu erreichen und zu ändern. Den Rasern muss erstmal bewusst werden, welche Gefahr sie im Straßenverkehr darstellen. Deshalb ist es sinnvoller, eine bestimmte Grenze festzulegen und ab dieser Grenze eine intensivere Maßnahme verpflichtend anzuordnen.  Mit sehr vielen Verkehrsauffälligkeiten und vier oder fünf Punkten benötigt man eigentlich schon eine Verkehrstherapie mit entsprechend gut ausgebildeten Verkehrspsychologen.

 

Wie schnell kann es zu dieser Verpflichtung kommen?

Horst Ziegler: Leider hat man gerade diese Chance ungenutzt gelassen. Die Fahreignungsseminare waren ein Modellversuch, der Ende 2019 ausläuft und erst vor kurzem vom Bundestag verlängert wurde. Positiv ist dabei, dass ein freiwilliges Angebot zur Punktereduzierung erhalten bleibt. Die kritischen Verkehrsgefährder erreicht man damit aber weiterhin nicht. Für diese Gruppe sind verpflichtende psychologische Seminare ab einer hohen Punktezahl die bessere Lösung. Es ist immer eine Frage der Intensität, bevor eine psychologische Maßnahme eine Wirkung erzielt. Darüber hinaus sollte das Verfahren attraktiv gestaltet sein, um die Teilnehmerzahlen zu verbessern. Wenn mit einem freiwilligen Seminar nur einer von acht Punkten abgebaut wird und ab fünf Punkten gar kein Rabatt erfolgt, kommt kein Hardcore-Raser.

 

Bei Alkohol im Straßenverkehr gibt es für entsprechende Maßnahmen einen großen Rückhalt in der Öffentlichkeit. Gilt das auch für den Umgang mit notorischen Rasern?

Horst Ziegler: Ja. Eine Studie besagt, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit exponentiell steigt, umso mehr Verkehrsdelikte in Flensburg registriert sind. Das ist wissenschaftlich belegt. Umso wichtiger ist es, diese Wiederholungstäter aus dem Verkehr zu ziehen.

Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU)

Das Team von TÜV Hessen unterstützt Sie bei allen Fragen rund um die medizinisch-psychologische Untersuchung. Wir überprüfen neutral und fair Ihre Fahreignung in angenehmer und vertraulicher Atmosphäre.

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