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Störfallvorsorge: Ein Brand – und was kommt dann?

Am 1. September 2018 explodierten Tanks in der Anlage der Firma Bayernoil. Ein Jahr nach dem Unglück in der Raffinerie von Vohburg hat es Bayernoil mithilfe von TÜV Hessen geschafft, große Teile der Anlage wieder in Betrieb zu nehmen.

(Quelle: Bayernoil)

Als um kurz nach fünf in der Frühe ein lauter Rumms die Bewohner von Vohburg aus dem Schlaf reißt, ahnen sie, dass das nichts Gutes heißen kann. Scheiben gehen zu Bruch, eine Druckwelle ist zu spüren. Der Auslöser sind zwei Explosionen, die sich innerhalb einer Viertelsekunde ereignen. Wenige hundert Meter entfernt, in der Erdöl-Raffinerie von Bayernoil, der größten im Freistaat. An diesem 1. September 2018 kommt es auf dem riesigen Gelände zu einer Beinahekatastrophe. Die Detonation ist mehr als 20 Kilometer weit zu hören. In der Folge gehen Teile der Anlagen in Flammen auf. Ein Fünftel der Produktionsanlagen wird schließlich zerstört, der Schaden auf dem Betriebsgelände und in der Umgebung wird sich auf eine dreistellige Millionensumme belaufen. 18 Personen werden verletzt, der Landkreis Pfaffenhofen ruft den Katastrophenfall aus, in den umliegenden Gemeinden werden kurzzeitig etwa 1000 Anwohner evakuiert.

Dabei ist die Werksfeuerwehr bereits nach einer halben Minute auf dem Weg zur Unglücksstelle. Nach etwa 20 Minuten nimmt ein Krisenstab die Arbeit auf. Ein Rädchen greift ins andere bei der Umsetzung des Sicherheitskonzeptes. Zur Bekämpfung des Unglücks werden rund 600 Einsatzkräfte eingesetzt. Schon am Mittag zeigt sich bei Hubschrauberflügen, dass Bayernoil noch Glück im Unglück gehabt hat. Denn das Feuer wird relativ schnell unter Kontrolle gebracht. Die ursprüngliche Befürchtung, wonach die Flammen auf ein großes Tanklager übergreifen könnten, tritt nicht ein. Trotzdem wird es alleine 18 Tage dauern, bis die letzten Flammen gelöscht sind, da man das Feuer kontrolliert abbrennen lässt.

 

Beim Gutachter laufen die Fäden zusammen

Negativ wirkt sich jedoch aus, dass das Kontrollzentrum der betroffenen Anlage in der Nähe der Unglücksstelle angesiedelt ist. An diesem zentralen Ort laufen im Normalbetrieb 13.000 Einzelmessungen ein. Weil aber während des Katastrophenfalls keinerlei Messungen mehr eingehen, wird der sofortige Shutdown angeordnet. Damit kommt die Raffinerie vorläufig zum Erliegen, in der Bayernoil Rohöl verarbeitet. Aus dem Rohöl werden hochwertige Produkte gewonnen wie Flüssiggase, Kraftstoffe, Benzine, Jet, Diesel, Heizöl und Bitumen.

Doch wie konnte es überhaupt zu dem Unglück kommen? Wie man später herausfand, war ein Reaktor an einer Stelle trotz dicker Stahlwände zerrissen worden. Geschäftsführer Michael Raue bezeichnete es als „spontanes Versagen der äußeren Reaktorhülle“. Der Unfallreaktor der sogenannten OATS-Anlage diente dazu, leichte Crack-Benzine zu entschwefeln. Er wurde ausgebaut und zur Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) gebracht. Die Untersuchung ist nicht abgeschlossen. Auch die Unfallursache konnte bis jetzt noch nicht im Detail geklärt werden.

Klar ist, dass Bayernoil eine derartige OATS-Anlage nicht mehr auf dem Gelände in Vohburg aufbauen wird. Doch das Augenmerk richtete sich auch auf die anderen Anlagen in dem Geflecht aus Rohren, Tanks und Leitungen. Als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde hatte das Landratsamt Pfaffenhofen den Weiterbetrieb bestimmter Infrastrukturanlagen zunächst lediglich befristet zugelassen. Um diese dauerhaft weiter zu betreiben musste ein Gutachter nach Paragraph 29b Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) eingeschaltet werden. Bei Bayernoil fiel die Wahl auf Udo Kredel, Sachverständiger von TÜV Hessen. An seinem Arbeitsplatz liefen ab Mitte Oktober 2018 die Fäden zusammen, damit auf dem Gelände in Vohburg erstens infrastrukturelle Einrichtungen weiterbetrieben werden konnten und zweitens verfahrenstechnische Anlagen, die unversehrt geblieben waren, ebenfalls nach und nach wieder in die Produktion gehen konnten.

Zu den offensichtlich nicht oder kaum beschädigten Einrichtungen der Infrastruktur gehörten z.B. das Tanklager, der Bahnhof, Verladeeinrichtungen, die Abwasserbehandlung, Lagerflächen, die Fackel und Einrichtungen zur Versorgung mit Strom, Wasser, Kühlwasser, Dampf, Luft, Stickstoff und Sauerstoff. Sie mussten in akribischer Kleinarbeit durch Sachverständige – in der Regel von TÜV Süd – geprüft werden. Zahllose Prüfberichte kamen zusammen, in denen die Ergebnisse der Inaugenscheinnahme und Prüfungen aller Anlagenteile festgehalten wurden. Rohrleitungen, Behälter, Tanks und weitere Apparate wurden hinsichtlich ihrer Funktionsfähigkeit, mechanischen Eignung und Eignung für den Einsatz in explosionsgefährdeten Bereichen untersucht. Der Gewässerschutz und die Standsicherheit waren weitere Kriterien.

Zu Udo Kredels Aufgaben gehörte es, die Vollständigkeit der von den ZÜS-Mitarbeitern und Sachverständigen durchgeführten Prüfungen festzustellen. Außerdem Fristen zu verkünden, bis wann die daraus abgeleiteten Maßnahmen erledigt sein mussten. Ihm oblag es auch, Einsicht zu nehmen in Sicherheitsberichte, den Alarm- und Gefahrenabwehrplan, das Managementhandbuch und weitere Dokumente. 

Bayernoils Interesse galt aber auch 17 verfahrenstechnischen Anlagen, die in der Unglücksnacht in Mitleidenschaft gezogen worden waren und die wieder in Betrieb genommen werden sollten. Auch hier nahm Udo Kredel anlagenbezogene Sicherheitsberichte unter die Lupe, hinzu kamen aktuelle Gutachten durch zugelassene Sachverständige, Prüfberichte von Prüfern einer Zugelassenen Überwachungsstelle (ZÜS), von Statikern und AwSV-Sachverständigen. Diese betrafen Druckbehälter, Explosionsschutz, Funktionsprüfungen, die Standsicherheit von Einrichtungen und wasserrechtliche Anforderungen. Aus all den Einzelteilen ergab sich schließlich ein Gesamtbild für Udo Kredel. Gab der Sachverständige von TÜV Hessen seine Zustimmung für die Wiederinbetriebnahme einer Anlage, konnte Bayernoil nach Eingang des positiven Bescheids der Aufsichtsbehörde die Produktion wieder aufnehmen. Schon Ende Mai 2019 war dies in einigen Anlagen der Fall. Und heute sind die meisten der 17 Anlagen von Bayernoil wieder in Betrieb. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis Udo Kredel wieder abberufen werden kann.


Autor: Matthias Voigt

Störfallvorsorge und Betriebssicherheit

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