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„Wir können nicht einfach einen Planet B bauen“

Mit dem Klimawandel stehen Unternehmen vor einer großen Aufgabe: Einerseits müssen Sie wettbewerbsfähig bleiben, um am Markt bestehen zu können – andererseits sollen sie ihre Emissionen deutlich senken. Im Gespräch erklärt Thore Lapp, Leiter Business Development von TÜV Hessen und Leiter der Business Unit Green Energy & Sustainability bei TÜV SÜD, wie die Dekarbonisierung von Unternehmen nachweisbar gelingen kann.

Im Herbst 2022 ist Energie ein Megathema in der öffentlichen Debatte. Für die Anforderungen unserer Zeit gibt es viele Begriffe: von Energiewandel bis zu Klimakrise. Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen in dieser Situation?

Thore Lapp: Seit dem Green Deal der Europäischen Union besteht für Unternehmen ein großer Handlungsdruck. Seitdem erhält die Dekarbonisierung in allen Branchen höchste Priorität. Wenn in betrieblichen Prozessen CO2 freigesetzt wird, müssen sie neu oder anders gestaltet werden. Das ist eine Herausforderung für Firmen aus rohstoffintensiven Branchen. Sie stehen vor der Aufgabe, ihren großen Energiebedarf anders zu decken und Alternativen zu fossilen Energieträgern zu erschließen.

Welche Branchen sind bereits sehr stark vom Wandel betroffen und haben aktuell großen Handlungsbedarf?

Der Wandel betrifft alle Branchen. Der Green Deal gibt vor, dass alle Unternehmen mit ihrer Dekarbonisierung beginnen müssen, damit Deutschland und Europa die vorgegebenen Ziele 2045 und 2050 erreichen. Doch vor allem in der Stahlindustrie ändern sich die Marktmechanismen enorm. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Thema Preis oder Qualität, sondern richtet sich ganz klar auf das Thema CO2-Profil während des Stahlherstellungsprozesses. Das ist definitiv schon die führende Größe.

Nichtsdestotrotz ist die Stahlindustrie die erste Branche mit hohem Handlungsbedarf. Dort hat der Wandel längts begonnen. Selbst internationale Konzerne und Original Equipment Manufacturer (OEMs) haben bereits sehr scharfe Dekarbonisierungsstrategien etabliert und brechen diese auf ihre komplette Supply Chain herunter. Daraus entstehen problematische Konsequenzen für Zulieferer. Wenn Unternehmen weiterhin Stahl für internationale Unternehmen oder Autohersteller liefern wollen, müssen sie die entsprechenden Dekarbonisierungsziele erfüllen, sonst sind sie raus.

Trotzdem benötigen diese Unternehmen für ihren Geschäftsbetrieb Energie. Auch hier hat ein Wandel begonnen: Weg vom Erdgas, hin zu alternativen Energien. Doch es gibt weitere Lösungen. Welche Rolle kann und wird hier Wasserstoff spielen?

Wasserstoff spielt bei der Dekarbonisierung und der Energiewende natürlich eine ganz zentrale Rolle. Am Ende der Reise steht der grüne Wasserstoff ohne nennenswerte CO2-Emissionen, weil die für die Herstellung benötigte Energie mit Photovoltaik oder Windenergie erzeugt wird. Aber bis wir Deutschland oder Europa ausschließlich mit grünem Wasserstoff versorgen können, werden noch viele Jahre vergehen. Bis dahin gibt es eine Brückentechnologie, denn blauer CO2-neutraler Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen. Aber hier ist die Frage, ob man angesichts des Krieges in der Ukraine Erdgas nicht besser einsetzen kann, als damit Wasserstoff zu produzieren. Deshalb wird es mit Sicherheit eine kleine Delle in der Entwicklung geben: Im Zusammenhang mit blauem Wasserstoff oder blauem Ammoniak wird der beid er Produktion entstehende CO2 eingespeichert (CCS) oder aber als Feedstock (CCU) genutzt.

Der internationale Trend zum Wasserstoff wird davon aber kaum beeinflusst. Große Player aus dem Nahem Osten bereiten sich massiv auf das Thema vor und haben schon mit Lieferungen in Richtung Europa begonnen. Wir können davon ausgehen, dass die zentrale Entwicklung der kommenden Jahrzehnte nicht die digitale Transformation sein wird. Die führende Größe bleibt die Klimakrise und in diesem Zusammenhang auch das Thema Dekarbonisierung.

Besteht die Gefahr, dass sich grüner Wasserstoff nicht gegen eine Brückentechnologie durchsetzen kann, sobald sich der blaue Wasserstoff erstmal etabliert hat?

Die Brückentechnologie bringt zunächst sehr viele Vorteile mit sich. Denn damit wird die ganze Infrastruktur geschaffen. Bestehende Erdgasnetze werden umgestellt, dazu werden neue Netze gebaut. Den konkreten Schritt von blauem zu grünem Wasserstoff beschreibt die Dekarbonisierungsstrategie. Hinzukommt, dass Deutschland wahrscheinlich ein Importland für Energie bleiben wird.

Weil bei der Herstellung weiterhin CO2 entsteht, kann es nur eine Brückentechnologie bleiben. Ob unterirdische Lagerung oder Nutzung in der chemischen Industrie. Ein Restrisiko für das Klima ist vorhanden. Deshalb bleibt das langfristige Ziel grün.

Wie wichtig ist Transparenz auf dem Weg zu einer dekarbonisierten Industrie?

Transparenz und Vertrauen sind enorm wichtig. Natürlich haben Unternehmen einen Vertrauensvorschuss, wenn sie seriös gewirtschaftet haben und auch bisher eine ordentliche Treibhausgasbilanz vorweisen können. Aber nur mit Vertrauen kann Dekarbonisierung nicht funktionieren. Die Vorhaben finden schließlich in der Zukunft statt. Ein Stahlwerk kann schon heute versprechen, in der Zukunft auf Wasserstoff als Energieträger zu setzen und seine Produkte mit dem künftigen CO2-Fußabdruck verkaufen. Aber erst ein unabhängiger Nachweis sorgt dafür, dass die Pläne auch umgesetzt sein werden und nicht zum Greenwashing missbraucht werden. Deshalb ist Transparenz ein entscheidender Faktor, wir können uns schließlich nicht einfach einen Planet B bauen.

Welche Rolle können Nachweise oder Zertifikate bei dieser Entwicklung spielen?

Nachweise und Zertifikate spiegeln das Thema Transparenz wider. Wenn wir von Dekarbonisierung sprechen, gibt es dazu den entsprechenden Standard. Die Norm ISO 17029 besagt, dass für eine Validierung zunächst der Status quo gemessen werden muss. Danach erfolgt eine Berechnung, um das Einsparpotenzial der geplanten Maßnahmen zu ermitteln. Das Ergebnis ist eine Konformitätserklärung, die beschreibt, was konkret bewertet wurde – und auch, was offenbleibt. Das ist wichtig, denn für belastbare Aussagen zur Dekarbonisierung und CO2-Emissionen sind genaue Messungen und deren Verifizierung entscheidend. Erst mit einer transparenten Validierung entsteht die Grundlage, die ein Kunde später als CO2-Fußabdruck auf seiner Waschmaschine oder im Auto sieht. So werden Endprodukte für Menschen vergleichbar in punkto Nachhaltigkeit. Hier verdeutlichen die Nachweise den Unterschied bei der Herstellung, denn das macht den Unterschied aus. In der Pipeline kann man grünen Wasserstoff nicht mehr von blauem Wasserstoff unterscheiden.

Wie kann technische Überwachung diese Entwicklung in der Dekarbonisierung begleiten oder unterstützen?

Wir können und werden Produkte auf den Markt bringen, die Dekarbonisierungsstrategien unterstützen und sich flexibel an die Dekarbonisierungsgeschwindigkeit von Unternehmen und Branchen anpassen. Damit fördern wir gleichzeitig die Transparenz. Auch mit fixen ISO-Standards, die essenziell wichtig sind, um beispielsweise einen CO2-Fußabdruck zu zertifizieren. Aber eine Zertifizierung ist nicht das richtige Instrument, um eine gesamt Dekarbonisierungsstrategie zu begleiten, weil der Bewertungsprozess sich an ISO-Standards orientiert und nicht an der Entwicklung der jeweiligen Unternehmen.

Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten, die aus der ISO 17029 entspringen. Damit können wir flexibel zukünftige Prozesse verifizieren, bezogen auf die Ist-Situation und bezogen auf die zukünftigen CO2-Emissionen entsprechend validieren

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