Frau Krawinkel, Sie haben an der Universität Stuttgart „Technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre“ studiert. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Studiengang zu belegen?

Ich wollte ursprünglich BWL mit Sprachen studieren, habe jedoch keinen Studienplatz erhalten. Da mir ein reines BWL-Studium nicht reichte, habe ich mich nach einer passenden Alternative umgesehen und bin auf den Studiengang „Technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre“ an der Universität Stuttgart gestoßen. Er verbindet ein vollwertiges BWL‑Studium mit einem technischen Anteil von etwa 25 Prozent – darunter Elektrotechnik, Textilkunde oder Verkehrsplanung sowie mein Schwerpunkt Verfahrenstechnik. Diese Kombination hat mir das technische Grundverständnis vermittelt und mich ideal darauf vorbereitet, wirtschaftliche Themen nicht isoliert, sondern eng mit operativen, technischen Prozessen eng verzahnt zu betrachten.

Was hat sie an einer Karriere im Spannungsfeld von Zahlen, Technik und Strategie gereizt?

In das Controlling bin ich eher zufällig gerutscht. Mitte der 1990er Jahre habe ich mich bei verschiedenen Unternehmen für ein Traineeprogramm beworben, um mich fachlich breit aufzustellen. Aber am Ende hat mich der Job im Unternehmenscontrolling bei Heidelberger Druckmaschinen überzeugt. Dort betreute ich zunächst den IT‑Bereich und lernte das operative Controlling kennen. Ich wechselte nach einem Jahr in das Forschung- und Entwicklungs-Controlling und konnte so mein technisches Verständnis anwenden. Spannend fand ich insbesondere die strategischen und unternehmerischen Prozesse, die hinter der langjährigen Entwicklung einer Druckmaschine stehen. Daraus entwickelte sich mein Weg: Erarbeiten einer Geschäftsstrategie, Operationalisieren in Zahlen und Festlegen und Erreichen der Ziele. Konkret geplant war das nicht – vieles ergab sich, und ich bin stets mutig und neugierig durch die Türen gegangen, die sich mir geöffnet haben.

Sie sind seit September 2025 die neue CFO bei TÜV Hessen. Welche Kenntnisse aus Ihrem Studium unterstützen Sie besonders in dieser Position?

Meine langjährige Erfahrung in technischen Branchen wie Anlagenbau und Infrastruktur hilft mir, mich schnell in unterschiedliche Prozesse einzuarbeiten und mir einen guten Überblick zu verschaffen – auch jenseits der klassischen kaufmännischen Kernbereiche. Durch regelmäßige Besuche unserer Standorte möchte ich selbst sehen, was unsere Mitarbeitenden beim TÜV Hessen bewegt. Mir ist wichtig, das Geschäft und die Menschen dahinter wirklich zu verstehen – dafür bilden mein Hintergrund und meine Erfahrung eine starke Basis.

Inwiefern helfen Ihnen ingenieurwissenschaftliche Denkweisen in Ihrer Rolle als CFO eines technischen Dienstleisters?

Unglaublich viel. Ich habe keine Scheu, vor Ort zu gehen, mir Abläufe anzusehen und gezielt nachzufragen. Gerade die Arbeitsprozesse interessieren mich, weil ich nur so verstehen kann, wie das Unternehmen funktioniert – und wo wir als Management unterstützen können, um die Arbeit vor Ort zu erleichtern.

Da steckt sehr viel Neugierde dahinter …

Auf jeden Fall. Ich war schon immer neugierig und wollte verstehen, wie Dinge funktionieren. Eine Frage, die meine Mutter wahrscheinlich damals zur Verzweiflung gebracht hat, war immer „Warum?“ Mich schreckt auch Neues nicht ab – im Gegenteil: Ich probiere es aus und arbeite mich ein, natürlich mit einem realistischem Risikoblick und einem Plan B in der Hinterhand. Diese Haltung begleitet mich bis heute.

Prüfen und Zertifizieren bedeutet höchste Verantwortung. Sie schreiben selbst in Ihrem LinkedIn Profil: „CFO² - Ihr Chief Finance & Chief Future Officer - Als Finanzprofi bringe ich Effizienz, Digitalisierung & Transformation nachhaltig in Einklang“. Wie bringen Sie diese wirtschaftliche Effizienz und technische Integrität in Einklang?

Wirtschaftlichkeit steht klar im Fokus, aber nicht um jeden Preis. Unser Kerngeschäft muss sauber laufen, gleichzeitig nutzen wir Chancen, die strategisch sinnvoll sind – etwa in der Automotive‑Branche, um technologische Entwicklungen weiter aktiv zu begleiten. Digitalisierung und Transformation spielen dabei eine große Rolle: Selbstfahrende Elektroautos, veränderte Prüfprozesse oder neue Anforderungen an technische Dienstleistungen werden unser Geschäft perspektivisch verändern. Wir beschäftigen uns intensiv damit, wie wir neue Technologien sinnvoll integrieren können – nicht, um Mitarbeitende zu ersetzen, sondern um ihre Arbeit effizienter und zukunftsfähig zu machen.

Bleiben wir bei dem Thema Digitalisierung (z. B. KI, Data Analytics). Wie verändert sie die Rolle der CFO – und welche Chancen eröffnet das besonders für Ingenieurinnen und Ingenieure?

Die kaufmännischen Bereiche sorgen weiterhin im Hintergrund dafür, dass das operative Geschäft läuft, aber ihr Fokus verändert sich. Am Beispiel Controlling: Statt Zahlen mühsam in Excel zu sammeln, werden wir künftig mit Echtzeit‑Dashboards arbeiten, die Abweichungen sofort sichtbar machen und voranalysieren. Dadurch bleibt mehr Zeit für Ursachenforschung und gemeinsames Finden von Potentialen. Ähnlich wird sich auch die technische Seite entwickeln: Daten aus Anlagen lassen sich schneller auswerten, Predictive Maintenance wird präziser, und wir erkennen frühzeitig, wann Eingriffe nötig sind oder Schwachstellen entstehen.

Welche Verantwortung tragen Führungskräfte konkret, damit Frauen aus dem MINT-Bereich nicht nur eingestellt, sondern auch gehört werden?

In meinen Augen eine sehr große. Wichtig ist, alte Rollenbilder abzulegen – etwa die Annahme, junge Frauen könnten wegen Familie ausfallen. Tatsächlich sind viele Mütter extrem gut organisiert, weil sie Beruf, Kinder und Haushalt managen und tagtäglich unter einen Hut bringen. Mobiles Arbeiten hat auch vieles erleichtert. Wir müssen mehr Frauen auf allen Hierarchieebenen und insgesamt diverser werden. Wir wollen Frauen fördern, aber nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie als Mensch etwas zu sagen haben und andere Sichtweisen einbringen. Entscheidend bleibt für mich jedoch: Es zählt nicht das Geschlecht, sondern die beste Qualifikation für einen Job. Und genauso handhabt TÜV Hessen das seit vielen Jahren. 

Wird finanzielle Entscheidungsfindung Ihrer Meinung nach technischer – oder menschlicher?

Ich hoffe, wir bleiben trotz aller technologischer Entwicklungen menschlich. KI kann wertvolle Impulse geben und unseren Optionsraum erweitern, aber sie ersetzt nicht das eigene Denken. Wir können die generierten Szenarien nutzen und als Idee diskutieren. Wichtig ist jedoch, sie immer kritisch zu hinterfragen. KI-Tools verstehe ich als weitere, unterstützende „Mitarbeitenden“, die wir kompetent führen müssen. Gleichzeitig dürfen wir nicht in einer KI‑Blase landen und grundlegende Fähigkeiten verlernen – gerade für die junge Generation bleibt das ein wichtiges Thema.

Was macht die Branche Prüfen und Zertifizieren und den TÜV Hessen besonders interessant für Ingenieurinnen?

Unsere berufliche Vielfalt ist beeindruckend. Wir bewegen uns nicht nur in einer Branche, sondern begleiten Themen von Automotive über Managementsysteme bis hin zu Industrie- und Gebäudetechnik. Im Grunde spiegeln wir das gesamte Spektrum der Wirtschaft wider – und genau das macht unsere Arbeit so faszinierend. 

Sie unterstützen als Mitglied die Initiative Inspiring Girls Deutschland. Können Sie kurz erklären, in welcher Form Sie diese unterstützen und was diese Initiative ausmacht?

Die Initiative Inspiring Girls stammt ursprünglich aus Großbritannien und ist seit 2024 nun auch in Deutschland aktiv. Sie zeigt Mädchen zwischen 10 und 16 Jahren die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten – weit über das hinaus, was viele aus ihrem direkten Umfeld kennen. Dafür besuchen sogenannte Role Models Schulen und sprechen in kleinen Gruppen über ihren eigenen, oft nicht geradlinigen Berufsweg, über Chancen, Umwege im Leben und die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Ich bin seit Ende 2024 Mitglied, kümmere mich um Prozesse und Finanzen und werde in diesem Jahr auch selbst als Role Model aktiv sein.

Wir haben das Jahr 2026 – wieso steckt in vielen Köpfen innerhalb unserer Gesellschaft immer noch die typische Rollenverteilung?

Meiner Meinung nach hat unsere Gesellschaft in dieser Frage gefühlt einen Schritt zurück gemacht. Traditionelle Rollenbilder sind weiterhin tief verankert – vielleicht auch durch die aktuelle politische Lage und die Akteure. Bis Diversität flächendeckend da ist, werden wohl noch ein bis zwei Generationen vergehen. Klassische Geschlechterrollen aufzubrechen – nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Alltag, sei es im eigenen Zuhause oder mit Blick in die Spielzeugabteilung in Kaufhäusern – bedarf noch einiger Arbeit.

Was passiert in den Köpfen der Schülerinnen, wenn sie Frauen aus Technik, Handwerk oder MINT-Berufen live erleben?

Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler fallen sehr unterschiedlich aus. Einige sind neugierig und stellen viele Fragen, während andere sich mit ihrer beruflichen Zukunft noch gar nicht beschäftigen möchten – und das ist in der Pubertät völlig normal.

Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Ich möchte jungen Frauen zeigen, dass ihnen alle Wege offenstehen?

Mein Einstieg ins Mentoring war vor etwa zwölf Jahren eher zufällig. Ich war oft die einzige Frau unter vielen männlichen Kollegen, habe mir darüber aber nie Gedanken gemacht. Eine Kollegin sprach mich damals auf ein Cross‑Company‑Mentoringprogramm für Frauen an – ich fand diese Idee spannend und war sofort neugierig. Die Resonanz der Teilnehmerinnen hat mir schnell gezeigt, wie viel ich aus meinem Erfahrungsschatz weitergeben kann. Seitdem engagiere ich mich in verschiedenen Initiativen, vor allem für junge Frauen auf dem Weg in Führungspositionen. Beim Mentoring Hessen zum Beispiel unterstütze ich Akademikerinnen aus oftmals MINT‑Fächern dabei, ihren beruflichen Weg zu finden, Herausforderungen in technischen Berufen zu meistern und Familie und Karriere in Einklang zu bringen.

Welche Frau hat Sie selbst am meisten inspiriert – und warum?

Ich habe kein einzelnes weibliches Vorbild. Stattdessen inspirieren mich Biografien – besonders die von erfolgreichen Frauen. Ihre Lebenswege holen mich oft stark ab, weil ich viele Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen und eigenem Leben erkenne und daraus viel für mich mitnehmen kann.

Was war der beste Rat, den Sie in Ihrer Karriere erhalten haben?

„Du kannst nicht alles, aber du kannst alles lernen.“ Dieser Rat meines Vaters hat mich stark geprägt. Er erinnert mich daran, nicht aufzugeben, wenn etwas nicht sofort gelingt, sondern Neues auszuprobieren, neugierig zu sein und dranzubleiben – vor allem dann, wenn es mir wirklich wichtig ist.

Was möchten Sie Ingenieurinnen mit auf Ihren beruflichen Weg mitgeben?

Seid mutig – und bleibt es. Traut euch Neues auszuprobieren. Habt keine Angst, auch wenn nicht alles auf Anhieb gelingt. Rückschläge gehören zum Leben dazu. Wichtig ist, euren Weg konsequent weiterzugehen, euch weiterzuentwickeln und nicht stehenzubleiben. Blickt nach vorn und dreht euch nicht zu oft zurück. 

Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zu Ihrem Job und Ihren täglichen verantwortungsvollen Aufgaben?

Ich gehe gerne laufen – dort finde ich Abstand, aber auch neue Ideen und Impulse. Dabei höre ich oft Podcasts oder Radio, allerdings bewusst nichts aus meinem Fachbereich, sondern Themen, die völlig branchenfremd sind. In meiner Freizeit lese ich außerdem leidenschaftlich gern: Biografien und historische Romane. Denn aus einer gut geplotteten Geschichten kann man ebenfalls erstaunlich viel für das eigene Leben mitnehmen.


Das Interview führte Clarissa Schmenger (TÜV Hessen / Bereich People)

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